Fotoreportage »Vacanze in Völklingen«

Projekt: Fotoreportage über das »Bistro Vangelista« in Völklingen

Eine sehr gute Pizza gibt es dort und das Ambiente ist, gelinde gesagt, aussergewöhnlich. Grund genug, dass Christoph Diem einen Artikel für das »Opus Kulturmagazin« schrieb und ich das ganze bebilderte. Mein Dank gilt dem Autor für die Erlaubnis, seinen Text an dieser Stelle veröffentlichen zu dürfen.

 

Vacanze in Völklingen. Besondere Orte mit Diem & Kany

 

»Völklingen. Reich der Extreme. Eine Nachtfahrt durch Völklingen in der Abenddämmerung gleicht einem Ritt durch die das apokalyptische Amerika des new cinema. Weltkultur trifft das Ende der Welt. Sagenhaft. Wehrden am der Hütte gegenüberliegenden Ufer der Saar ist eine Ecke des Saarlands irgendwo im Weichbild zwischen Ghetto, Multikulti und nachbarschaftsverbindlichen Aufbruch. Tot ist jedenfalls anders. Architektonische Wagnisse, deren behördliche Zustimmung im Ungefragten bleiben soll, Blumenorgien, sanfter Verfall, auf der Kaimauer steht „Willkommen in Wehrden“ in vielen Sprachen dieser bunten Welt.

 

Ja, wirklich da lang! Auch das ist ein möglicher Zugang

 

Folge ich dieser Kaimauer flussabwärts, so komme recht bald zu einem, je nun, ich nenne das jetzt mal im weitesten sinne einen gastronomischen Betrieb. Es bezeichnet sich selbst als Bistro/Biergarten. Es hätte auch einen Namen haben sollen: La Fattoria, das Gehöft. Aber Provisorien sind langlebig, auch das der Namenlosigkeit. Also bleibt es bei Bistro/Biergarten, findet sich auf keiner Zwischennetz-Seite und ich glaube, nicht einmal im Telefonbuch. Nein, das Werben ist Calogero Vangelistas Sache nicht.

 

Wo bin ich? Links das Bistro und etwas mehr, am Ufer gegenüber Anlagen der Völklinger Hütte

 

Der Padrone, der in bester süditalienischer Tradition die Frauen der Familie zur Kundschaft durchlässt ohne aufzustehen, dieser Mann hat Besseres zu tun. Erst erklärt er mir nämlich, dass seine Frau Evangela die Cheffe ist. Dann erklärt er mir in der entscheidenden Reihenfolge die Geheimnisse einer angemessenen, also der perfekten Pizza. Und gleich der erste Posten ist für mich eine Überraschung: das Mehl. Das stammt in diesem Fall natürlich aus Sizilien, alles andere ist sinngemäß Lumpendreck. Weiterhin entscheidend sind die eigenen Gewürze, der Pizzabäcker selber, dann der Ofen und zuletzt das Holz für den Ofen.

 

Ein Gast? Jedenfalls schien er dorthin zu gehören...

 

Maestro Vangelista ist Sizilianer, seine Frau Calabresa. Ein verstockter Piemontese würde jetzt arrogant fragen: „Afrika?“, aber alpenländische Separatisten wussten noch nie etwas Gescheites. Bloß, warum jetzt der sizilianische Patrone trotzdem und ausgerechnet für Silvio, den stets braungebrannten Mailänder Mediengroßunternehmer schwärmt? Doch, er habe in Vangelistas Heimatstadt viel für die Straßenbeleuchtung und die Gehwege getan. Da merke ich, es war aber auch schon spät am Abend…

 

Noch etwas früher am Abend: Der Padrone im Gespräch mit dem Autor

 

Die meisten kommen früher in Familglia Vangelistas Etablissement, tagsüber. Denn die meisten kommen per Velo auf dem Saar-Radweg, welcher bekanntermaßen von Saarbrücken nach Konz führt. Für den ersten Stopp bietet sich dieses hier an. Der Radler trinkt hier sein Radler in einem merkwürdigen Zwschending, einem Anbau, einem überdimensionalen Wintergarten, einem Gewächshaus? Überdacht und befenstert, aber trotzdem irgendwie draußen. Die Vangelistas nennen es Biergarten, und das ist es definitv nicht. Es ist Italien. Der Haushund, die halboffene Küche, die Schlager vom Band, Leuchtstoff… dieses ungeplant zufällige Dings aus Famiglia und ungemütlich. Das ist kein Biergarten, das ist instant-Urlaub. Molto autentico. Der Blick nach draußen: im Vordergrunde eine Blumenpracht im fortgeschrittenen aber noch beeindruckenden Stadium (beim ersten Besuch im Frühsommer war diesbezüglich richtig was los), dahinter der träge Fluss, dahinter wieder der mächtige Gasturm am südwestlichen Ende des Hüttengeländes.

 

Ja, das macht durstig...

 

Wenn Calogero Vangelista ins Reden kommt, dann schwankt er ungefedert zwischen maßloser Zufriedenheit, z.b., über die Nachkommen, die beide in Saarbrücken Geld verdienen, Danina als Groß- und Außenhandelskauffrau und Sohn Luigi, der in Burbach Autos flott macht. Er schwärmt von seinem Olivenhain in der Heimat, um den sich der Schwager kümmert, so gut es der alte Mann eben noch kann, über die 52 Jahre, die er schon in Deutschland lebt, den längsten Teil als fahrender Gemüsehändler, weshalb er jede Sackgasse im Saarland auswendig kennt. Oder das Pendel schwingt zum Rheuma, zum Herzen, zur harten Jugend im bettelarmen Sizilien. Vier Jahre Schule und später noch mal zwei Jahre Abenschule mussten reichen. Der Rest war Arbeit. Es war absurd, denn es gab auf seiner Insel alles was der Mensch zum Leben braucht, nur war davon nicht zu leben. Dann kommt er zum Geld: Die Schulden fürs Haus werden nicht weniger, von dem Umsätzen der Gastronomie abgesehen müssen vierhundertzweiundzwanzig Euro Rente reichen. Und Winters gibt es keine Umsätze, keine Gastronomie. Dann ist der Laden zu. Im Sommer aber bekommt der Durstige Freizeitsportler seinen Trank von sieben Uhr früh bis spätabends. Und am Wochenende , so ab später Nachmittag werden die Vangelistas gnädig und backen die eingangs erwähnte einzig wahre Pizza.«

 

Alles selbst gebaut und gemacht: Bistro, Forno, Pizza

 

© Christoph Diem

20.04.2010Fotodesign   Freistil   - - - - -