Fotoreportage »Kleines Glück.«

Projekt: Fotoreportage über das Alsbachbad in Saarbrücken-Altenkessel

Dies hätte eigentlich die Fortsetzung zu »Vacanze in Völklingen«  werden sollen. Wurde dann aber von Ausgabe zu Ausgabe geschoben… und dann… vergessen?

 

Mein Dank an Christoph Diem für die Erlaubnis, seinen Text an dieser Stelle zu veröffentlichen.

 

Kleines Glück. Besondere Orte mit Diem & Kany

 

Fette Zeiten: Wo gibt es heute schon noch »Kombinationsbäder«?

 

Conny Stöckigt ist keiner, den so schnell etwas aus der Ruhe bringt. Höchstens, dass er das Gespräch per förmliches »Sie« eher ungeübt ist. Herr Stöckigt ist von Beruf »Fachangestellter für Badebetrieb«, hier der Badbetriebsleiter im Alsbachbad, Saarbrücken-Altenkessel, und das seit 15 Jahren. Folgerichtig ist er für alle »der Conny«. Abgesehen von gefährlichem Unfug seitens übermütiger Gäste lässt der Conny nur eines nicht gelten: wenn man seine Kollegen und ihn »Bademeister« nennt. Warum, weiss ich nicht. [Vielleicht, weil die Band »Die Ärzte« den Bademeistern dereinst ein zweifelhaftes Denkmal gesetzt hat...]

 

Ein Stammgast, Conny Stöckigt und der Autor

 

Im Alsbachbad haben sich die Verantwortlichen für den Badebetrieb an keine allgemeingültige Sprachregelung im Umgang mit der Klientel geeinigt. Im Außenbecken gibt man sich pädagogisch wertvoll: »Du darfst nicht im Schwimmerbereich spielen, wenn du noch die Schwimmflügel brauchst. Das ist bei uns eine Regel, damit wir besser auf dich aufpassen können«. Drinnen am Springerbecken klingt es zeitgleich folkloristisch-deutlicher: »Wenn de Trampolin springe muschd, dann geschde in de Turnverein. Do langt zweimo!« Und das schallt herrlich laut und deutlich durch die Hochleistungsdurchsprechanlage, die sich mancher Flughafen wünschen dürfte.

 

A bigger splash à la Altenkessel

 

Drinnen und draußen. Daraus folgt: Das Alsbachbad ist ein »Kombibad«. Die Bereiche sind durch eine Treppe im Innern verbunden. Das Bad ist den Unwägbarkeiten des Klimawandels weniger unterworfen als andere. Ein Wetterwechsel ist kein Grund nach Hause zu gehen. Trotzdem kommen etwas weniger Gäste als früher. Nein, die Spaßbäder seien nicht der Grund dafür. Das kann sich auch keine Familie mit Kindern leisten, höchstens mal zum Geburtstag. Schuld trage der Computer und ähnliche Freizeitgestaltungsmittel. Das Alsbachbad ist kein Spassbad, sondern ein Stadtteilbad. Nicht das Bad ist das Ereignis, sondern das Wasser darin. Ereignis-Bäder sind nicht entfernt so ereignisreich. So kann von Leere keine Rede sein. In den heißen Sommertagen kommen elfhundert Gäste am Tag. Ich auch, denn über Sonnenkollektoren auf dem Dach wird das Wasser im Außenbecken auf eine Temperatur gehoben, die selbst meinen verfrorenen Nachwuchs den Sommer ohne Schlottern und Schnupfen überstehen lässt.

 

Stille

 

Dieses Bad hat alles, was einen Besuch in der öffentlichen Badeanstalt, sofern man daran seine Freude hat, zur Oase der unerwarteten Zufriedenheit macht. Das Ereignisbad an sich dreht sich leider stets im Hamsterrad der Komparative. Mehr, weiter, höher: Der kalkulierte Originalitätszwang. Aber was habe ich von der Sensationsrutsche, wenn der Nachwuchs nicht hindurch darf, weil die Schwimmfertigkeit oder das Alter nicht passen?

 

Das Alsbachbad versetzt mich in einen ähnlichen Glückszustand wie der See mit einem Steg hinein, zum Beispiel in Skandinavien. Es ist das – vor der Hand – Einfache. Und wo liegt dieses Glück? Im Wohngebiet am allerletzten Ende von Saarbrücken. Von St. Johann aus betrachtet – und mancher egozentrierte Blick, das Land und die Stadt betreffend schweift ja von hier aus – also von da aus gesehen liegt dieses kleine Glück dort, wo der wilde Westen schon fast zuende ist, wo die Stadt entgültig in ihren Regional-Verband übergeht. Der nächste Stopp heißt Luisenthal, und das gehört zu Völklingen. Ich mag Altenkessel und Rockershausen, wo die gastronomischen Betriebe »Kumpel« heißen. Oder »Humpen«. In Altenkessel wohnen großartige Menschen. Ich kenne sogar ein paar.

 

Doch, Diskussionen über Schließung habe es manches Mal gegeben, aber das Alsbachbad hat ein paar Trümpfe, inhaltliche, abgesehen von seinem architektonischen Charme. Rockershausen, Altenkessel, Gersweiler, Burbach und Klarenthal zum Beispiel. Zum anderen bedient es einen Bedarf, der durch die Schließung diverser Schulbäder in den letzten Jahren entstanden ist. Und schließlich ist es nicht nur behindertengerecht, es ist die bevorzugte Adresse dieser Klientel. Conny Stöckigt vermeidet das Wort und nennt sie »Versehrte«. Sie kennen ihren Conny und erzählen ihm beim Haare Föhnen von ihren Erfolgen in der Schule.

 

Als Kind fror man in solchen Umkleideräumen. Als Erwachsener, zumindest in Altenkessel, auch...

 

Das Altenkesseler Alsbachbad ist ein Ort des kleinen Glücks. Es ist die Patina – ich rede nicht von Schmuddel, die Veranstaltung ist blitzsauber – einer Zeit, in der es reichte, Wasser als Freizeitgestaltungsmittel anzubieten. Die letzten Jahre, in denen das noch galt, waren die Siebziger. Auf dem Grundstein vor dem Haus steht 1973. Diese Jahre und ihre dazugehörigen Aufforderungen leben im Bad. Will man nach getanem Vergnügen die Halle verlassen, wird man erinnert: »Bitte vorher Abtrocknen«. Danke. Ich wäre im seligen Überschwang beinahe triefnass in die gute Buxe gestiegen. Entlang der Kacheln bleibt mein Blick am (sicherlich konsensfähigen) Claim hängen: »Dem Fusspilz keine Chance!« Doch, darauf können wir uns einigen.

 

Es ist die glasklare, funktionale Siebziger-Jahre Architektur. Und Mitarbeiter, die ganz offensichtlich wissen, was sie tun. »Ich dachte doch bloß…«. »Du bischd aus Burbach, du kannsch gar nit denke!«. Kein Augenblick der Unsicherheit oder Überforderung. Weinenden Kindern wird die verschollene große Schwester wieder aufgetrieben: Übermütige finden ihre gottgewollten Grenzen. Und wenn es ernsthaft voll ist, wenn Ansehnliche und/oder Adipöse und/oder Ganzköpertätowierte in unübersichtlichen Haufen das Archimedische Prinzip neu entdecken, wenn also richtig was los ist, wäre in jeden anderem Bad vermutlich Zeit zu gehen. Hier nicht. Weil jeder sein Wasser genug findet, um selbst Alarm zu machen. Ohne Blubberblubber im acht-Minutentakt und Coca-Cola-Rutsche. Einfach nur Wasser, in dem sich die Menschen darin selbst etwas einfallen lassen: Seeungeheuer spielen, Ritterspiele abhalten, Tauchen bis allen Bange wird, Tunken und Sprötzen. Wie am See, am Steg. Bevor die Jetskis kamen…

 

Unberührte Originale: Tafel zur Grundsteinlegung und Wandfarbe

 

Im Sommer offen von 9 bis 20 Uhr, im Winter komplizierter. Internet via saarbruecken.de. Gastronomie: Jupp’s Bistro (Das Apostroph ist nach neuer Rechtschreibung in Ordnung).

© Christoph Diem

12.07.2010Fotodesign   Freistil   - - - -